ÜBER MARLYSE BRUNNER

Buch über das Werk von M.B. | 24x28cm |
288 Seiten | hard cover | gebunden
Mit Texten von Kathrin Frauenfelder und Sabine Arlitt
ISBN 978-3-907262-32-0 |
Fr. 54.–
| Erhältlich im Buchhandel und bei
Marlyse Brunner, 079 653 72 20, marlyse.brunner@gmx.ch

Konzept: Marlyse Brunner, Peter Hunkeler

Gestaltung, Bildbearbeitung, Fotografie: pixelberg Peter Hunkeler Zürich
Druck: Odermatt AG Dallenwil

Bindung: Bubu AG Mönchaltdorf 

Mit Unterstützung von: Pro Helvetia | Kanton Zürich Fachstelle Kultur | Ernst Göhner Stiftung | und privaten Gönnern

Marlyse Brunner
Rousseaustrasse 59
8006 Zürich

+41 (0) 79 653 72 20

marlyse.brunner at gmx.ch

webpublishing, webmaster
pixelberg at bluewin.ch

Marlyse Brunner
*1946, lebt und arbeitet in Zürich
Ausbildung: 1964–68 Ecole supérieure d’art appliqué Vevey
Als Bildende Künstlerin tätig seit 1972
www.marlysebrunner.ch

Einzelausstellungen

2024
Galerie Rumbler, Zürich. (Cur By Sandra Nedvetskaia)
2021
Kunst ins Blaue, Kunstauktion. (Cur by E.A.C., Esther Eppstein)
2020
Hard Cover Gallery Zürich
2018
Stationary, Atelier Rousseaustrasse
2017
Werkverzeichnis, Catalogue raisonné
2015
Über die Bücher gehen bevor Zürich liest, Atelier Rousseaustrasse
2014
15 Künstlerbücher, Atelier Rousseaustrasse
2013
lokalgenial
2012
Raum am Schubertring, Wien
Installation «Bistrot 2007» 365 Fotos und Film, Atelier Rousseaustr.
2008
Isabella Lanz, Art Station, Zürich
2005
Spazio della Volta, Genova, It (Text: Viana Conti)
2001
celeste & eliot bonustrack, Zürich
1998
IDG Communications AG, Zürich, «Mediamassen»
Foyer Stadthaus Uster, «Die Zwischungen» (Kurator John Matheson)
1996
Galerie Marie-Louise Muller, Neuchâtel
1993
Galerie Ursula Rövekamp, Zürich
1992
Galerie Vera Engelhorn, New York
1990
Galerie Vera Engelhorn, New York
Galerie Ursula Siegenthaler, Zürich
Swiss Institute, New York
1989
Galerie Bob Gysin, Dübendorf/Zürich
1988
Galerie Ursula Rövekamp, Zürich
Neue Galerie Götzental, Luzern
1987
Galerie Ursula Siegenthaler, Zürich
Galerie Art et Press, Zürich, «The 4B Drawings»

Gruppenausstellungen

2024
Helmhaus Zürich, Verbinden (Cur Simon Maurer und Cristiana Contu)
2020

Art Dock, Zürich (Kunstmeter Einspielungen)
2016
100 Jahre Frauen Power 1916–2016
Art Dock Zürich
2013
Kunsthalle Art Dock, Zürich
2011
Kunstszene, Areal Freilager, Zürich
2008
Spitzbart Kunstraum, Nürnberg
1999
Kunstzentrum Adliswil
1997
Galerie Bernhard Schindler, Bern
Museum für Kommunikation, Bern, «Mediamassen»
1996
Kammgarn, Schaffhausen, «Zona Cesarini»
Kunstszene Zürich
1995
Kunstszene Zürich, «Zürcher Inventar»
1993
Galerie Bernhard Schindler, Bern
The Gallery Three Zero, New York, «Breaching Containment»
Kunstszene Zürich, «Mediamassen»
1992
Galerie Trudelhaus, Baden
1990
Kartause Ittingen, Schweiz, «Unikat und Edition»
1988
Swiss Institute, New York
1985
Kunsthalle Winterthur (mit Louise Schmid)
5. Biennale der Schweizer Kunst, Olten
1984
Bellevue Kreuzlingen, Installation
1981
Pont-à-Mousson, Frankreich, «Arbeiten auf Papier»
1980
Villeparisis, Frankreich, (Kurator Dany Bloch) «Arbeiten auf Papier»
1977
Städtische Galerie zum Strauhof, Zürich (mit S. Könz, R. Guidi )

Stipendien und Auslandaufenthalte

2018
Canada BC, Aufenthalt
New York, Aufenthalt
2016
Buenos Aires, Aufenthalt
Japan, Aufenthalt
2015
New York, Aufenthalt
2012
New York, Aufenthalt
2011
Berlin, Aufenthalt
2010
Barcelona Aufenthalt
2006
Casteltowshend, Irland, Aufenthalt
2003
Erna und Curt Burgauer-Stiftung, Werkbeitrag
Jenny Bloch-Stiftung, Werkbeitrag
2001
Genua, Aufenthalt
1999
Bogliasco Foundation, Stipendium
1991
Schabramant, Ägypten, Atelier und Stipendium der Stadt Zürich
1989
Steo-Stiftung, Werkbeitrag
1986–93
New York City, ständiger Aufenthalt, Reisen durch die USA
1986
New York City, Atelier und Stipendium der Stadt Zürich
1985
Steo-Stiftung, Werkbeitrag
1984
Eidg. Kunststipendium
1983
Eidg. Kunststipendium
1982
Steo-Stiftung, Werkbeitrag
1981
Werkbeitrag Steo-Stiftung
Stipendium der Stadt Zürich
1980
Paris, Atelier und Stipendium des Kantons Zürich
Stipendium der Stadt Zürich
1976
Paris, Atelier und Stipendium der Stadt Zürich
1974
Stipendium der Stadt Zürich
.
Ankäufe

Kunstsammlung Stadt Zürich
Kunstsammlung Kanton Zürich
Kunstsammlung Bundesamt für Kultur
Kunstsammlung Stadt Neuenburg
Kunstsammlung UBS New York
Kunstsammlung Hirslanden Gruppe
Kunstsammlung Museum für Kommunikation

Öffentliche Aufträge

1995
Kunst am Bau, Universität Zürich-Irchel, Institut für Rechtsmedizin

Publikationen, Ausstellungsbesprechungen

2019
Essay: Kathrin Frauenfelder «Selected Traces»
2019
Sabine Arlitt: Ich recycle im Grunde Recyclingpapier.
Aargauer Zeitung u.a.
2018
Kathrin Frauenfelder. In die Breite: Kunst für das Auge der Öffentlichkeit: Zur Geschichte der Kunstsammlung des Kantons Zürich – vom Nationalstaat bis zur Globalisierung. University of Zurich,
Philosophische Fakultät
2008
Katalog: Spitzbart Kunstraum, Text: Dr. Annegret Winter
2004
Tracce Genovesi, salendo/scendendo, Auflage: 350 Ex.
1999
Katalog: Kustsammlung Hirslanden Gruppe
1999
Book of Silk: Selected works from the Zanders International Design Contest
1998
Leporello: «Zwischungen, unsaubere Schnittstellen» Stadthaus Uster
1997
Mediamassen, Text: Edi Bürchler
1995
Uni Irchel Kunst am Bau, Text: Fritz Billeter, Züritipp
1990
Katalog: Swiss Institute, New York. Text: Arianne Baillard
1990
Katalog: Works on Paper, Vera Engelhorn Gallery, New York
Text: Marie-Louise Lienhard, Zürich
1988
Buch: Black and White, Ritratti dell Anima
Turicum, Text von Sabine Arlitt
1987
Galerie Siegenthaler, Text: Fritz Billeter, Tages Anzeiger
1986
Galerie Marie-Louise Muller, Text: Laurence Carducci, L’Expresse
1985
Kunsthalle Waaghaus Winterthur, Text: Helmut Kruschwitz
1977
Strauhof, Text: Fritz Billeter, Tages Anzeiger

Aus SELECTED TRACES

Zürich

Es war eine alltägliche Rolle Verbandsstoff, die Marlyse Brunner in den 70er-Jahren in die Hände fiel, als sie versuchte, im Sinne der Arte Povera, mit vorhandenen Materialien ein Objekt zu formen. Sie war fasziniert von der gleichmässigen Struktur des locker gewobenen Stoffes und realisierte, dass sie das Gewebe mit einfachen Handgriffen in eine Collage transformieren konnte. Sie schnitt mehrere identisch lange Stücke und montierte die Abschnitte zu einem horizontalen Streifenmuster auf einen schwarzen Untergrund. Die kleinen Verletzungen, die sich in der Folge der Manipulation der Gaze in Form von Verdichtungen und Durchbrüchen ergeben hatten, bildeten zusammen mit dem Streifenmuster eine abstrakte Zeichnung. Es sollte das einzige Werk bleiben, das die Künstlerin mit einem realen Stück Stoff verwirklichte. Marlyse Brunner begreift sich als Zeichnerin.

Nach der Ausbildung an der École supérieure d’art appliqué in Vevey, begann sie zu zeichnen und sich an Ausstellungen zu beteiligen. Sie verkaufte die ersten Werke und bekam Stipendien zugesprochen. Sie entschied sich definitiv, den Weg der bildenden Künstlerin einzuschlagen und in Zürich ein eigenes Atelier einzurichten. In der inzwischen nahezu fünf Dekaden umspannenden künstlerischen Tätigkeit hat Marlyse Brunner einen zeichnerischen Kosmos geschaffen, der über 2000 Werke umfasst. Nur ein kleiner Teil ihres Œuvres kann in dieser Publikation abgebildet werden: SELECTED TRACES.

Ein erster Werkkomplex aus den 1970er Jahren umfasst Blätter, auf denen sie mit Feder und Tusche innerhalb einer Einteilung von horizontalen Streifen kurze Striche senkrecht und dicht nebeneinander zeichnet. Mit Aquarellfarbe grundiert sie bestimmte Zonen, um Unschärfen zu erzeugen und Akzente zu setzen. Auf einem anderen Blatt fügt die Künstlerin lange vertikale Linien aneinander, die wirken, als wären lose Fäden an einer Schnur aufgehängt. Andere Blätter mit Motiven filigraner, sich überkreuzender Linien evozieren Assoziationen an Gewobenes . Zu Beginn hat sie fast nur mit der Feder gearbeitet. Später greift sie zusätzlich zum Pinsel, den sie in Tusche taucht, um mit einer kräftigen Geste mächtige Pinselspuren über feingliedrige Liniensysteme zu legen. Trotz der Mehrschichtigkeit bleibt das darüber liegende Geflecht präsent, sei es als Motiv feiner Rastersysteme im Bild als Bild  oder in Form von Ausfransungen entlang der Ränder. Diesen frühen Arbeiten eignet etwas Suchendes, Tastendes, zumal sich die Künstlerin an die tradierten Konventionen hält und sie das Dargestellte auf das von einem Leerraum umgebene Blattgeviert begrenzt.

Paris

Der Griff zum Pinsel bringt eine malerische Komponente ins Spiel. So realisiert sie zahlreiche, zum Teil grossformatige Blätter, auf denen sie die Pinselstriche vielfach variiert, um die malerischen Möglichkeiten des Pinselstrichs auszuloten und um das Lineare mit dem Flächigen zu kombinieren. Dabei entwickelt sie eine Formensprache, die eher organisch und biomorph als geometrisch, eher kurvig als rechteckig, eher expressiv als rational anmutet. So entstehen Muster mit weichen und lockeren Schraffuren. Ein anderes Motiv evoziert Assoziationen an spitze Nadeln. Sie zeichnet über ein Blatt verstreut eine Ansammlung eckiger Häkchen, die sich verdichten und wieder auflösen. Mit spielerisch verteilten, gleich langen Strichen belebt sie einen wolkigen Hintergrund, den sie zuvor mit wässriger Tuschelösung auf das Papier gemalt hat.

In dem Masse, wie die Handschrift freier und auch wilder wird, überwindet die Künstlerin das vorgegebene Kompositionsschema. Den Blattrand lässt sie nicht mehr als Weissraum frei, sie füllt die gesamte Fläche. Mit einer Tuschearbeit aus dem Jahr 1983 gelingt ihr ein erster Höhepunkt. Mit einem breiten Pinsel malte sie in einem Stakkato von kurzen heftigen Bewegungen Pinselstrich über Pinselstrich, um ein Allover zu realisieren, bei dem sich helle und dunkle Partien wechselseitig durchdringen. Nur gerade am oberen und unteren Blattrand, wo dem Pinsel die Farbe ausläuft, bilden sich unbemalte Zonen. Ein freier Malgestus hat die konzentrierte Linienführung verdrängt und transformiert das Gezeichnete in Malerei.

Zum konzeptuellen Durchbruch von der Zeichnung zur Malerei auf Papier – Marlyse Brunner verwendet von wenigen Ausnahmen abgesehen nahezu ausschliesslich papierene Trägermedien – trugen zwei Atelieraufenthalte in Paris bei. Der Tachismus, bei dem der Fleck, «la tache», als Ausgangspunkt für den Malprozess dient, war noch aktuell und lebendig. Zugleich kamen neue Kunstformen auf wie die Installation, die Performance und das Happening, die die Frage der Gattungen und ihrer Grenzen auf den Prüfstand beförderten. Die neuen Kunstformen und das Aufkommen der Medientechnologie brachten auch Gestaltungsweisen, bei denen man Kunstwerke mit den Händen erschafft, unter Druck. Dies galt insbesondere für die Malerei. Einige Kunstkritikerinnen und Kunstkritiker proklamierten bereits das Ende der Malerei. Hingegen emanzipierte sich das Medium der Zeichnung. Bislang galt die Zeichnung als Hilfsinstrument zum Festhalten einer Idee oder, in der Form der Bildhauerzeichnung, zum Skizzieren eines Entwurfs für eine Skulptur. Nun löste sie sich aus diesem Dienstverhältnis und etablierte sich als eigenständige, höchst differenzierte und ausdrucksstarke Gattung.

Diese neuen Entwicklungen bestärkten Marlyse Brunner, ihren eigenen informellen Ansatz auf Papier weiterzuverfolgen, und bestätigten sie in ihrer Einstellung, dass Gefühl, Emotion und Spontaneität wichtiger seien als herkömmliche Kompositionsregeln, Vernunft oder Perfektion. Sie erkannte, dass ihre abstrakt gestischen Zeichnungen autonome Kunstwerke sind. Diese Erfahrung war entscheidend. Sie suchte die Reduktion und die Unmittelbarkeit. Das Dargestellte sollte als reine Energie, als Konstellation von Kräften und einzig in der Form von Linien, Flächen und abstrakten Strukturen aufs Papier fliessen. «Die Zeichenfläche ist mein Arbeitsplatz»1, erklärte die Künstlerin in einem Gespräch mit der Kunsthistorikerin Sabine Arlitt. und bezieht sich auf ihre von der elementaren Geste geprägte künstlerische Praxis sowie auf ihr Anliegen, in ihren Werken das Authentische und Unverstellte zum Ausdruck zu bringen. Ihren Ansatz betont sie auch dadurch, dass sie fast gänzlich auf den Einsatz von Farbe verzichtet. Einige Arbeiten aus dem Jahr 1983, bei denen sie Tusche in Verbindung mit roter Gouache bringt, bilden die Ausnahme. «Farbe sei verführerisch, meinte sie im selben Interview. «Farbe ist verführerisch und lenkt den Blick automatisch auf gewisse Stellen, während ich ja gerade das Zusammenwirken einzelner Kräfte erlebbar machen möchte.2 Die Künstlerin setzt daher hauptsächlich auf Schwarz. Mit Techniken des Schichtens, mit Helldunkelkontrasten und Materialvielfalt erzeugt sie einen unerwarteten Reichtum an Schwarz- und Graunuancen. In der Folge realisierte sie eine grosse Anzahl expressiver Werke, bei denen sie mit Überlagerungen von Linearem und Flächigem, beziehungsweise mit Zeichnerischem und Malerischem experimentierte.

1,2 Sabine Arlitt. Trügerische Stille und gefühlvolle Dynamik. Annabelle 1989, Nr.5

New York

Nachdem Marlyse Brunner bereits zweimal das Atelier in Paris zugesprochen worden war, erhielt sie 1985 das New Yorker Atelier. Nach Ablauf des Stipendiums verlängerte sie ihren Aufenthalt in New York bis 1995. Sie misstraute zunehmend dem subjektiv-expressiven Gestus ihrer frühen Werke, die den europäischen Geist des Tachismus atmeten. Im Dialog mit den neueren Entwicklungen der amerikanischen Kunst veränderte sich das Wesen ihres Strichs, was sich daran zeigt, dass ihre Linien und Formen härter und kantiger werden. Dazu beigetragen hat auch die Entdeckung des Paintstik, eines weichen Stifts, dessen Grundkomponente solide Ölfarbe ist. Mit dem Stick konnte sie kontrollierte und kraftvolle Linien ziehen oder kompakte, tiefschwarze, nahezu körperlich anmutende Flächen aufs Blatt malen. Im Gegensatz zum Farbauftrag mit Tusche oder Aquarell, der oft sinnlich und weich scheint, wirken die mit dem Paintstik gemalten Flächen geschlossen, kraftvoll und streng. In zahlreichen Arbeiten greift die Künstlerin diese Eigenschaften auf und arbeitet mit ihnen. So bricht sie zum Beispiel die Flächen mit Aussparungen auf oder sie verwischt die Kanten, indem sie diese mit den Fingern oder der ganzen Handfläche bearbeitet. Die Arbeitsspuren lässt sie sozusagen als Dokument des Arbeitsprozesses stehen so wie auch das auslaufende Öl der Fettkreide, das am Rande eines Strichs Spuren hinterlässt. Bei anderen Zeichnungen unterteilt sie die Bildfläche in Zonen von verschiedenen Qualitäten von Schwarz und in Zonen von verschiedenen Arten von Nichtschwarz, wobei die schwarzen Bereiche sich in Farbauftrag und Struktur, in der Dicke der Farbhaut und in der Richtung des Farbauftrages voneinander absetzen. Wenn sie mit linearen Strukturen arbeitet, wirken diese oft heftig, bisweilen aggressiv, wie das Beispiel der sich von den Rändern her aufs Blatt schiebenden Keilformen bei einer 20-teiligen Serie zeigt. Es tauchen zudem pulsierende Gebilde auf mit ausfransenden Kanten, Verkörperungen reiner Energie. Wenn die Künstlerin wuchernde Gebilde mit einer Umrahmung einzufassen sucht, mutieren die Strukturen zu wild wirbelnden Konstellationen, die die Blattgrenze sprengen.

Das Werk der kanadisch-amerikanischen Malerin Agnes Martin (1912–2004) war ihr schon immer ein wichtiger Bezugspunkt. Das Denken der Künstlerin sowie die kontemplativen Bilder, die auf zarten Linien- und Gitterstrukturen aufbauen, beeindruckten Marlyse Brunner. Agnes Martins Œuvre wird in der Kunstliteratur dem Minimalismus und dem Abstrakten Expressionismus zugeordnet. Ihre Kunst folgt dem Postulat, dass ein Gemälde «ist was es ist», dass es nichts darstellt und nichts abbildet, sondern einzig beim Publikum emotionale Reaktionen auslösen soll. Agnes Martin versteht ihre minimalistischen Bilder als Reaktionen auf die Wirklichkeit. Jedenfalls äusserte sich die Künstlerin in diesem Sinne: „Wahrnehmen ist dasselbe wie Aufnehmen, und es ist dasselbe wie Erwidern. Wahrnehmen bezeichnet alle drei, es dauert in einem fort, ob wir schlafen oder wachen. Wenn wir wach sind, können wir uns daran erinnern, was wir wahrgenommen haben, als wir schliefen.“ Mit anderen Worten: Trotz der abstrakt gestischen Bildsprache beruht das Bildgeschehen auf dem (bewussten oder unbewussten) Erleben und ist letztlich die Übersetzung von Wahrnehmungen, die sich am Alltäglichen entzünden. So ist interessant zu beobachten, dass, obwohl Marlyse Brunners Bilder gegenstandslos sind, auch Arbeiten entstehen, die als eine konkrete Reaktion auf das Umfeld zu erkennen sind. Obgleich die Künstlerin sich in der Regel ganz auf die Organisation der Linien, Zeichen und Farbe auf der Fläche konzentriert, entstehen abstrakte Kompositionen, die Ausschnitte aus wahrgenommenen Konfigurationen von Brückenpfeilern, Masten oder architektonischen Elementen darstellen, die von urbanen Strukturen, wie man sie überall in New York antrifft, hergeleitet sind. Die imposanten Brückenkonstruktionen Manhattans oder Fragmente von Säulen und Kapitellen der gründerzeitlichen Architektur New Yorks haben Spuren in Marlyse Brunners Zeichnungen hinterlassen. Die Künstlerin hat die lebendige Atmosphäre New Yorks mit jeder Faser ihres Ichs aufgesogen und hat diesen rastlos pulsierenden Lebensrhythmus in eine eigene expressive Bildsprache übersetzt.

Shabramant

1991 verliess die Künstlerin vorübergehend New York. Sie bewohnte für ein halbes Jahr das von der Schweizerischen Städtekonferenz betriebene Atelier in Shabramant. Shabramant ist ein ausserhalb von Kairo liegendes Dorf, nur einen Sprung entfernt von den Pyramiden von Gizeh. «Ich reise stets ohne vorgefassten Plan und vertiefe mich vor Ort in die Kultur und ihre Besonderheiten», meint Marlyse Brunner zu ihrem Reiseverhalten. So ist es naheliegend, dass sich die Künstlerin in Ägypten bald mit den geheimnisvollen Baudenkmälern, mit den Zeichen der arabischen Schrift, mit dem gleissenden Sonnenlicht oder dem legendären Ägyptisch-Blau befasste. Tatsächlich hat die Beschäftigung mit der fremden Tradition Spuren im Werk hinterlassen. Die Annäherung an die geheimnisvolle Kultur Altägyptens manifestiert sich zum Beispiel daran, dass die auf einigen grossen Blättern gezeichneten Dreiecksformen unerwartet zu pyramidenförmigen Konfigurationen mutieren oder in das homogen gemalte Schwarz eindringen und die kompakte Fläche aufbrechen. Parallel zu den ersten Grossformaten entsteht eine Fülle kleinformatiger Arbeiten, die ähnlich einem Tagebuch die neuartigen Eindrücke dokumentieren. Bei einigen dieser Arbeiten benützte sie erstmals Schablonen. So begegnen sich zum Beispiel Pyramiden- und Dreiecksformen auf rätselhafte Weise, greifen ineinander oder fügen sich zu einem trapezförmigen Pyramidengrundriss. Bei einigen Arbeiten verdrängt ein in intensivem Blau gehaltenes Dreieck die schwarze Farbe. Manchmal bleibt inmitten einer kompakten schwarzen Fläche eine quadratische Zone als leerer Raum bestehen. Sind es Auseinandersetzungen mit den mysteriösen Grabkammern im Innern der Pyramiden? Geheimnisvoll wirkten auf die Künstlerin auch die arabischen Schriftzeichen, denen sie sich mit spielerisch ornamentalen Strukturen annäherte.

Als sie eine Handvoll Nägel an einem Marktstand eines traditionellen Kairoer Bazars einkaufte, wurden diese in eine Tüte verpackt, die aus einer Seite eines in arabischer Schrift verfassten Kataloges gefaltet war. Bei dem Katalog handelte es sich um eine wissenschaftliche Anleitung, wie bei der Vernichtung von Ungeziefer mit den verschiedenen Pestiziden, Schneckenpulver und Mäusefallen umzugehen sei. Marlyse Brunner kaufte die 90-seitige Broschüre und verwandelte sie in das Künstlerbuch mit dem Titel Poison. Es ist nicht das erste Künstlerbuch, das sie realisierte. Nun greift sie das Thema erneut auf und überarbeitet die einzelnen Seiten der erworbenen Broschüre. So übermalt sie einige Seiten mit weisser, und andere, oft die gegenüberliegende Seite, mit schwarzer Farbe. Manchmal liess sie einzelne Partien unbehandelt, so als wollte sie ein Fenster offen lassen, durch das man einen Blick auf das ursprünglich Dargestellte werfen konnte. Es ist interessant zu beobachten, dass das Künstlerbuch mit seinen hell- und dunkelbemalten Seiten, mit seinen «Gucklöchern» und den spärlich sichtbar belassenen Schriftzeichen sogleich Assoziationen zu der rätselhaft verschlüsselten altägyptischen Kultur evoziert und einen Bezug zu den Pyramiden herstellt. Dort gibt es tief im dunklen Inneren einen verborgenen Raum, in dem Informationen zum Bauwerk aufbewahrt werden, die, wie die «Fenster» in Marlyse Brunners Künstlerbuch, dazu beitragen, einen Blick auf das Geheimnis der Vergangenheit zu werfen. Der Umgang mit Gegensätzen wie das Spiel mit Hell und Dunkel, mit Übermalung und Aussparung, mit Licht und Schatten oder Positiv und Negativ kommt nicht zum ersten Mal bei diesem Künstlerbuch zur Anwendung. Vielmehr gehört das Arbeiten mit Kontrasten zu den Strategien der Künstlerin.

In New York hatte sich die Künstlerin wiederholt mit der Frage, was denn ein Bild sei, beschäftigt. In Shabramant greift sie das Thema wieder auf, um vor der Andersartigkeit der Kultur das Thema neu zu überdenken. So spürte sie wie eine Archäologin den Spuren nach, was sich in der Tiefe des Bildes verbirgt, bezieh-ungsweise was sich auf seiner «Rückseite» manifestiert. Sie fand eine neue Antwort: Im Verständnis der altägyptischen Kultur gehören Leben und Tod wie die zwei Seiten einer Medaille zusammen. Analog lässt sich auch Licht und Schatten, Hell und Dunkel, Schwarz und Weiss nicht allein als Gegensätze, sondern im Sinne eines Sowohl-als-Auch als zusammengehörend denken. Sichtbarmachen konnte sie dies, indem sie die eine Seite als Spiegelbild der anderen Seite darstellte. Dazu wählt Marlyse Brunner die Form des Diptychons. Sie bemalt die eine Hälfte eines Blattes Papier mit dem Ölstift. Um eine kompakte schwarze Fläche zu bekommen, legt sie mehrere Schichten übereinander, was auf der Fläche ein Relief ungerichteter linearer Strukturen hinterlässt. Indem sie anschliessend das Papier faltet, wird auf der leeren Blatthälfte der Abdruck, die vom Stift hinterlassenen Struktur – das Bild des Bildes – erkennbar.

Zurück in New York

Die Aufenthalte in New York und Shabramant haben die Wahrnehmung der Künstlerin weiter geschärft. Ihre Arbeit gewann an Vielfalt und Intensität. Parallel zu den energiegeladenen, spontanen Arbeiten entstanden in New York auch ruhige, meditative Bilder mit subtil modulierten Graunuancen, die von einer eckig harten Rahmung umfasst sind. Es sind Werke, bei denen die Auseinandersetzung mit dem Raum eine zentrale Rolle spielt. Dabei nähert sich die Künstlerin dem Thema auf ganz unterschiedliche Weise. Anfang der 1990er Jahre legte sie für einige Arbeiten den Ölstift beiseite und arbeitete mit Kohle. Mit diesem Material liessen sich durch Verwischen weiche Übergänge bewerkstelligen und Raumtiefe sichtbar machen. Neben Zeichnungen mit real angedeuteten Raumausschnitten entwickelt sie Darstellungsweisen abstrakter Räumlichkeit. Etwa indem sie das Blatt Papier mit Kohle bedeckt, um mit dem Handballen ein Rechteck aus Graphit auf der Kohlefläche einzureiben. Dieses Vorgehen bewirkt, dass das silbrig schimmernde Graphit wie ein selbständiger Körper über der Kohlefläche schwebt. Indem die Künstlerin für einige Arbeiten zusätzlich lichtdurchlässiges Planpapier wählt, verdoppelt sie den Effekt, da auch der Kohleuntergrund, vom Licht erhellt, transparent wirkt und sich die flächige, zweidimensionale Zeichnung in die dritte, räumliche Dimension zu verflüchtigen scheint.

Bisher wurde erst wenig auf den experimentellen Umgang der Künstlerin mit Papier hingewiesen. Tatsächlich arbeitete Marlyse Brunner mit verschiedensten Papierträgern. Dabei kam ihr ein gewöhnlicher liniierter Notizblock genauso gelegen wie ein Stück Karton, eine Seite aus der Zeitung, Packpapier oder ein kostbares Aquarellpapier aus dem Künstlerbedarf. Mit einem transparenten Papier, in der Art, wie es Architekten für ihre Pläne verwenden, wusste sie auf vielfältige Weise umzugehen, indem sie Arbeiten wie die soeben beschriebenen realisierte und den Effekt der Lichtdurchlässigkeit ästhetisch nutzte. Oder sie bediente sich der Technik der Marouflage, bei der sie japanisches Reispapier mit Tapetenleim auf eine Leinwand montierte, um es zu stabilisieren und ihm Festigkeit zu geben.

Und so wie die Künstlerin auf verschiedensten Papieren arbeitete, so kannte sie auch ein weitgspanntes Repertoire von Farbmaterial, das von Tusche über Aquarell, Acryl, Ölkreide, Graphit reichte, wie auch verschiedenste Auftragsmittel, wie Feder, Pinsel, Blei- und Graphitstift. Den Radiergummi setzte sie ebenso ein wie die Handfläche, oder sie hält – wie erstmals in Paris – ein Velinpapier unter den Wasserhahn, um überschüssige Farbe wegzuspülen. Die Künstlerin greift Motive wiederholt auf oder arbeitet in Serien, denn je nach Papierträger, Farbmaterie und Auftragsmittel präsentiert sich das Sujet stets überraschend neu. Das Ziehen von Linien ist ein solches Beispiel, wobei Geschwindigkeit, Bewegung und Schwung den Ausdruck variieren. Fasrige Linienbündel verdichten sich zu kraftvollen dunklen Balken. Mit dem Pinsel gezogene Linien wirken energiegeladen, andere zerbrechlich. Manche erinnern an fernöstliche Kalligraphie. Informelle Liniengebilde scheinen das Leben in seinem energetischen Auf und Ab zu symbolisieren. Die Linie ist nicht bloss eine Linie, sondern mutiert zu einem vielgestaltigen Element, das zuweilen metaphorischen Charakter annehmen kann. Das Ausloten von Spannungsverhältnissen beschäftigt die Künstlerin in zahlreichen Werken. So gibt es auch räumliche Darstellungen, die von dynamischen Kräften durchwaltet sind, während anderen etwas Bühnenartiges eignet. Gegensätze stehen einander nicht nur in strenger Polarität von Hell und Dunkel, von Positiv und Negativ gegenüber, sondern erweisen sich als Energien, die sich aufbauen, bündeln und wieder zerfallen. Dieses Thema findet nach Marlyse Brunners Rückkehr aus New York unter anderem eine Fortsetzung in fünf Kreisbildern unterschiedlichen Formats.

Zürich

Marlyse Brunners zeichnerische Praxis ist von Anfang an primär auf die Entgrenzung zeichnerischer Möglichkeiten und auf die Steigerung ihrer sinnlichen Erfahrbarkeit ausgerichtet. Basis bilden stets eine intuitive Vorgehensweise und das Erlebnis des prozesshaften Zeichnens und Malens. Herrschte bisher der expressive Gestus vor, so wird er nun erweitert durch eine ruhigere Arbeitsweise, was auch damit zu tun hat, dass die Künstlerin nun öfters zu Graphit und Aquarellfarbe oder zu stark verdünnter Tusche greift. Das harte Schwarz der mit dem Oil Stick aufgetragenen Farbe bearbeitet sie mit Graphit und wandelt sie in stimmungsvolle Oberflächen um. Eine 1998 realisierte mehrteilige, nur mit Graphit gearbeitete Serie verdankt sich einem langwierigen Arbeitsprozess, bei dem die Künstlerin zahlreiche Materiallagen übereinander legt und so weiche Oberflächen schafft, in die sie verschiedenste Gitter- und Rasterstrukturen einarbeitet. Diese Werke unterscheiden sich eminent von den empfindlichen, auf Seidenpapier gearbeiteten Bleistiftarbeiten aus dem Jahr 2016, auf denen ein dichtes Netz von Linien oder ein ineinandergreifendes Geflecht unterschiedlich ausgerichteter Flächen zu sehen sind. Mit demselben Interesse am Graphit widmet sich die Künstlerin auch der Aquarellmalerei, die im Gegensatz zum Graphit schnelle Bewegungen und duftige, einem Schleier ähnliche Schichtungen zulässt.

Genua

Grundsätzlich ist der experimentelle Umgang mit Material und Techniken ein wichtiger Aspekt im Œuvre von Marlyse Brunner und die Neugier der Motor, der sie stetig vorantreibt. Nichts entgeht ihrem schweifenden Blick. So auch nicht das Treppenhaus des altehrwürdigen Palazzo in Genua, den sie anlässlich eines Atelieraufenthaltes 2001 bewohnte. Die einzelnen Stufen dieses Treppenhauses, in dem sie täglich auf und ab ging, sind aus Granit geschaffen. Die langjährige Begehung des Treppenhauses bewirkte eine unterschiedliche Abnutzung der einzelnen Stufen, was jedem Tritt ein individuelles Gepräge gibt. Es sind diese Spuren der Zeit und die vielfältigen Assoziationen, die diese in der Erinnerung bewirken, die Marlyse Brunner in einer Arbeit konservieren wollte. Und da sie bereits in ihren Paint Stick-Arbeiten mit dem Verfahren des Abdrucks Erfahrungen gesammelt hatte, wählte sie für dieses Werk die Technik der Frottage. Sie rieb die reliefartige, raue Oberflächenstruktur mit Graphit ab, um die Oberflächenbeschaffenheit des Objektes auf das Blatt zu übertragen und visuell sichtbar zu machen. Marlyse Brunner hat im Jahr 2004 184 Abriebe zu dem Buch Tracce Genovesi zusammengefasst. Je nachdem, wie man das Buch zur Hand nimmt und es ähnlich wie ein Daumenkino durchblättert, bewegt man sich auf den Stufen – wie es die Seitenzahlen am Rande anzeigen – von unten nach oben oder umgekehrt, von oben nach unten.

Zürich

In Marlyse Brunners Œuvre erscheinen die ersten Künstlerbücher Anfang der 1980er Jahre. In der Folge entstehen in regelmässigen Abständen weitere Exemplare. Viele Bücher spiegeln die Themen ihrer Arbeiten auf Papier. So bündelt sie Darstellungen, bei denen sie mit Feder und Pinsel Dickichte aus schwungvoll gemalten Linien macht, die sich bald geordnet bald wirr über das ganze Blatt ausbreiten. Sie realisiert ein Buch zum Motiv des Ginkgoblattes. 1999 beteiligte sie sich am «Zander International Design Contest» und realisierte das Book of Silk, bei dem sie gleich breite Pinselstriche unterschiedlicher Schwarz- und Grautöne in einem gleichmässigen Rhythmus aneinanderfügt, wobei sich das Grundmuster der Komposition auf den folgenden Seiten in Varianten wiederholt. Das Buch, so die Jury, liest sich wie ein visuelles Gedicht. So wie das Book of Silk sind auch die anderen Künstlerbücher poetische Kleinode.

Die 15 Bücher aus dem Jahr 2014 nehmen innerhalb dieses Werkkomplexes einen eigenen Stellenwert ein. Seit den 1970er Jahren hatte Marlyse Brunner einen grossen Stapel Papier, den sie auf der Strasse gefunden hatte, in ihrem Atelier aufbewahrt. Bei diesem Papier handelt es sich um relativ grobfasriges braunes Recyclingpapier mit unterschiedlich grossen Einsprengseln, mit dem die in der DDR produzierten Bücher der Deutschen Bücherei Leipzig eingepackt waren als sie nach Zürich geschickt wurden. Erst Jahre später nützte sie das Papier als Träger für Zeichnungen und für die besagte Serie der Künstlerbücher. Die Qualität des Papiers inspirierte sie zu ihren Eingriffen, wobei sie den trashigen Charakter auf das ganze Buch übertrug. Zerknitterte Papierstücke entsorgte sie nicht. Sie strich sie flach, plättete sie mit dem Bügeleisen, schnitt sie zurecht, bevor sie sie in das Buch integrierte. Jede Seite unterscheidet sich von der nächsten, nicht nur was die Gestaltung anbelangt, sondern auch in Bezug auf das Format. Nur noch selten ist eine ganze Seite bemalt. Manche Buchseiten sind überhaupt leer. Ihre Interventionen sind sparsam und minimal. Während auf der einen Seite die Adressetikette der Papierlieferung zu sehen ist, beschreibt sie die nächste Seite mit einzelnen ausgewählten Buchstaben. Wenn sie diese nicht von Hand malt, greift sie zur Schreibmaschine und tippt unzusammenhängende Sätze. Aus Zeitschriften schneidet sie Bildfragmente oder Buchstaben und Zahlen, um eine Collage zu komponieren. Dabei gehorchen die Zeichen keinen typografischen Gesetzen, und die Sätze und Wortfetzen verlaufen sich im Nichts. Für ihre Eingriffe hat sie überdies eine Form gefunden, ihre Vorliebe für die schwarze Farbe, um die Leere der Ränder und die Linien auf das Buch zu übertragen. Dabei sind die Linien nicht immer mit Feder und Tusche oder mit dem Pinsel gezogen, sondern mit Faden und mit Hilfe einer Singer-Nähmaschine genäht. Die Bücher sind professionell fadengebunden und zum Teil mit einem roten Zeichenband ausgestattet. Zu diesem Zweck hat sie sich die Techniken des Buchbindens angeeignet. Die Bücher stecken voller Überraschungen, denn es ist nie vorhersehbar, was auf der nächsten Seite dargestellt ist.

Red Table

Marlyse Brunners Passion für die Zeichnung ist vor allem auch eine Faszination für Strukturen. Dieser Leidenschaft frönt sie auch dann, wenn sie anstatt eines Zeichenstiftes eine Kamera in die Hand nimmt. Den Fokus richtet sie dabei auf die unscheinbaren Dinge, die ihr im Alltag begegnen. Es sind Dinge, die als Randerscheinungen unwesentlich scheinen und daher kaum beachten werden. Doch gerade auf sie konzentriert sich die Künstlerin. Oft sind dies Gegenstände aus der Natur wie zum Beispiel die schrundige Schale einer Zitrone oder das Kerngehäuse eines Granatapfels. Sie fotografiert Zerfallserscheinungen wie etwa ausgetrocknete Samenkapseln oder geschrumpfte Blumenknospen. Auf anderen Aufnahmen breitet sich eine Flüssigkeit aus auf der ein Schimmelpilz wuchert. Gelegentlich sind es von der Künstlerin selbst bearbeitete Objekte, etwa solche, die sie mit einem filigranen Goldfaden umwickelt hat. Vielfach sind die Objekte aus unmittelbarer Nähe und in übernatürlicher Grösse aufgenommen. Manche sind freigestellt, so dass sich ihr Bauplan als komplexe Struktur offenbart. Plötzlich werden unerwartete Details wahrnehmbar: feine Stacheln, die in alle Richtungen weisen oder ein zarter Flaum, der die Oberfläche überzieht. Indem die Künstlerin Gegenstände als Vergängliche festhält, rückt sie Momente eines Prozesses ins Zentrum. Doch bei all der Fragilität und bei all dem Hinfälligen begegnet uns kaum Unschönes, vielmehr fasziniert die Vielfalt der Erscheinungen. Die Fotografien sind Dokumente der Vergänglichkeit und zugleich Bilder von herber Schönheit.

Marlyse Brunner hat ihre Aufnahmen zu vier Künstlerbüchern gebunden. Red Table ist der Titel eines der Bücher, die sie im Medium des Inkjetdruckes auf recyceltem Papier realisiert hat. Auf dem rohen, durch die Wiederaufbereitung leicht bräunlichen Papier verblasst die Leuchtkraft der Farbe, was das Prozesshafte der aufgenommenen Gebilde akzentuiert. Ihre unbunten Abbildungen wirken geheimnisvoll als wären sie aus einer anderen Zeit. Sie werfen Fragen auf zu Zerfall und Erneuerung, zu Anfang und Ende, zu Werden und Vergehen. 

Unterwegs

Marlyse Brunners vielschichtiges Œuvre ist aus einem steten (inneren und äusseren) Unterwegssein erwachsen. Die Künstlerin hat von Anfang an mit grosser existentieller Aufrichtigkeit an ihrem Werk gearbeitet. An den strengen Vorgaben, die sie sich gegeben hat, – nur auf Papier und allein mit der Farbe Schwarz zu arbeiten –, hat sie fast ausnahmslos festgehalten. Entstanden ist ein weitgespanntes Œuvre von grossem Detailreichtum. Ihr Werk ist geprägt vom Vertrauen in die Symbolkraft und die emotionale Direktheit der Farbe Schwarz, die sie in der ganzen Bandbreite von der heftigen Gestik bis zur subtilen Gebärde mit ganzer Sinnlichkeit und unter Einbezug aller materiellen Facetten, ausübt. Ihre Arbeit kann als Teil der langen Tradition expressiver Malerei des 20. Jahrhunderts gelesen werden, die bei den Fauves und dem Deutschen Expressionismus einsetzt und mit Schwerpunkten im Informel und Abstrakten Expressionismus bis in die aktuelle Gegenwart reicht.

Das ästhetische Potenzial materieller Ereignisse

Marlyse Brunner ist stets in Bewegung, selbst wenn sie konzentriert an der Arbeit ist. Das Bewegen ist ein Arbeitsinstrument für sie; sie bringt Materialien in Bewegung, setzt deren Potenzial frei. Tag für Tag macht sie sich auf den Weg in ihr Atelier in Zürich, wenn sie nicht gerade wieder einmal irgendwo auf der Welt aktiv ist, häufig in New York. Nomadentum und Sesshaftigkeit sind dabei keine Gegensätze, das Unterwegssein und das Verweilen gehen ineinander über, ergänzen sich. Mit einer sensiblen Achtsamkeit für ihre Umgebung sammelt sie Dinge und Eindrücke in der Alltagswelt. Diese spezielle, höchst individuell gelebte Form des In-Bewegung-Seins hat auch ihr künstlerisches Schaffen geprägt. Sie verfolgt keine fixe Kunstidee. Ihr Konzept ist ihre Art zu leben und künstlerisch tätig zu sein.
Die Entwicklung ihrer Arbeiten lässt sich nicht befriedigend mit einem chronologischen Fortschreiten fassen. Das Ent-wickeln, die Verbindung von Präfix und Verb, bietet sich an, das Überlagernde ihres prozesshaften Handelns verstärkt in den Fokus zu rücken. Ihre Arbeiten entziehen sich einer streng und einseitig auf die Entstehungszeit bezogenen Einordnung. So manche Werkserie könnte problemlos an einer anderen Stelle der Zeitachse auftauchen. Seit jeher möchte Brunner als Kernanliegen das Zusammenwirken einzelner Kräfte erfahrbar machen. Sie sagt selbst von sich, dass ihr «etwas Obsessives eigen ist». Der linearen Entwicklung steht kein blosses sich wiederholendes Umkreisen gegenüber. Das zyklische Moment in ihrem Schaffen dient einer intensivierenden Verdichtung, die unterschiedliche Dimensionen variierend in einen wechselnden, veränderbaren Kräfteaustausch versetzt.

«Die Zeichenfläche ist mein Arbeitsplatz», erklärte Brunner bereits in ihren Anfängen. Der Satz hat nach wie vor aktuelle Gültigkeit – im Sinne einer werkimmanenten Existenzannäherung.

Das Ausgesparte, der Leerraum, schafft eine eigene Lesbarkeit zwischen den Zeilen, die sich als lineare Setzungen und vor allem als zurückgelassene Spuren manifestieren. Unabsehbar bleibt die Leere, was das Bewusstsein zu einer Formensuche provoziert. Die Spur ist das, was die gezogene Linie hinterlässt. Es herrscht ein labiler Schwebezustand zwischen Materie und Form, Ausdrucksmittel und Ausdruck. Werkzeug und Arbeit werden ununterscheidbar. Die einleitend abgebildete Schablone (S. xxxx) hat Bildcharakter und wirkt wie ein visueller Motor für Brunners künstlerische Handlungsweise. Gegensätze setzt sie ergänzend ein. Sie nutzt Konstruktion und Dekonstruktion, Verfestigung und Verflüssigung, Helligkeit und Dunkel, schwarz und weiss, Perfektion und Ungenauigkeit – der Sinnlichkeit zuliebe. Das Material wird zum Kompass der Erkundungswege.

Wie erwähnt: Chronologie interessiert sie nicht. Sie bewegt sich ständig hin und her zwischen beibehaltenen Ideen und neuen Ausdrucksweisen: zeitlos aktuell und alt/neu sind die sich transformierenden Werkgruppen. Ent-wicklung findet innerhalb der Arbeiten statt. Das Papier als Arbeitsfeld hat seine eigene körperliche Präsenz. Das Papier als Trägermedium hat (geometrisch) ordnende Qualitäten und eine ihm innewohnende, gleichsam aufsprengende Kraft, die im zeichnerischen und malerischen Akt aktiviert, freigemacht, wird. Auch eine Art des Ent-wickelns. Es geht um sich herausbilden, sich von etwas lösen, etwas hervorbringen, herauswickeln, um so Eigenschaften sichtbar werden zu lassen. Es bleiben stets Restbestände, die niemals ausgedrückt werden können. Doch gross ist die Bereicherung, wenn es gelingt, in äusseren Zuständen innere Vorgänge zu spüren.

Brunner lässt Dinge sich begegnen: Materialeigenschaften, persönliche Befindlichkeiten, Umweltprägungen, Gesten und zufällige Einflüsse. Häufig verwendet sie in ihrem Schaffen Papiere voller Spuren und sichtbarer Abnützung, die den Werkprozess beeinflussen und mitgestalten. Grosse Papierbögen und kleinere Streifenreste, Transparent- und Packpapiere, eigentliche Bildträger und die Bildfläche aktivierende (Papier-) Elemente warten im Atelier auf ihren Einsatz. Die verschiedenen Papiersorten wie auch die Oil Paint Sticks und Aquarellfarben, die Tusche und der Grafit werden zu Dialogpartnern. Brunner kennt ihre Arbeitsmaterialen bestens, bringt sie jedoch häufig gänzlich jenseits der Norm zum Einsatz. Sie experimentiert mit ihnen, lässt sie wie Instrumente erklingen. Deren Vielfalt eröffnet einen differenziert gestimmten Schwingungsreichtum.

Statt vom Tuschstein im geduldig-langsamen Reibeprozess feinste Partikel abzulösen und im Wasser zu Tusche aufzulösen, arbeitet sie direkt mit dem Stein auf angefeuchtetem Papier. Spannend ist auch das Nebeneinander von einem schwarzen und einem eher selten verwendeten weissen Oil Paint Stick, der ein irritierendes Wahrnehmungsfeld in buchstäblicher Reibung mit dem leergelassenen Papiergrund eröffnet. Vergleichbar mit den verschiedenen Aggregatzuständen verändern sich die Beschaffenheit und das Verhalten der Bildakteure. Im prozesshaften Geschehen wechseln Verdichtung und Zerstreuung, Verfestigung und Verflüssigung, Schnelligkeit und Verlangsamung wie auch Opazität und Transparenz. Gitter bilden sich, Raster werden deformiert, Unregelmässigkeiten aktivieren Ordnungsstrukturen und weichen fixe Strukturen auf. Schichtungen werden rissig. Mit jedem Konstellationswechsel ändert sich das Bildpotenzial.

Kein fertiges Werk wird zelebriert, sondern der Prozess eines suchenden Werdens in das Zentrum gerückt. Das Prinzip der Wiederaufnahme geht in einem übergeordneten Kreislauf auf, der von lebendiger, anhaltender Veränderung spricht. Nicht nur das Arbeiten in Serien bringt den Gedanken an Filmisches ins Spiel. Zuweilen werden sequenzartige Bildstreifen zu Arbeiten verbunden. Brunner wusste zu Beginn nicht, was sie mit einem Stapel grossformatiger Papiere anfangen könnte. Als ob sie auf die materielle «Provokation» antworten wollte, bemalte sie deren Flächen energisch mit verdünnter Tusche. Sie zerschnitt die Malerei in Bahnen, die sie zu einem Leporello faltete. Mit Gaze fixierte sie den Rücken, um das Ganze zusammenzuhalten. Mit einfachsten Mitteln entsteht eine Serie ausdrucksvoller Bücher mit lyrisch-expressivem Charakter. Alles findet schliesslich in einem selbstgemachten Schuber Platz.

Wieder einmal gab es kein im Voraus geplantes Vorgehen. Auch Büchern ist in gewisser Weise aufgrund der aufeinanderfolgenden Seiten ein filmisches Moment eigen. Einmal abgesehen vom «Daumenkino», ähneln aufgeschlagene Bücher den latenten Volumen der materiellen Schichten von Arbeiten auf Papier. Inhalte werden weitergetragen und liegengelassen. Beim Abklatschverfahren, welches auch den Charakter einer Monotypie hat, legt das auf die gegenüberliegende Seite negativ kopierte Bild als Bild vom Bild die Bildstruktur offen. Bild und Bildgerüst begegnen sich auf den durch den Falz getrennten wie auch verbundenen Buchseiten.

Was ist das Prägende, was der Rest? Eine Unterscheidung wird obsolet. Der zeichnerisch gemalte Rahmen lenkt alle Aufmerksamkeit auf das potenzielle Bild und ist gleichzeitig selbst bildwirksam. Die eingangs erwähnte Schablone dient als Hilfsmittel und wird selbst als Bild reproduziert. Brunner hat auf einem Blatt Papier Streifen herausgelöst und diese Streifen nachträglich wiederum in diese Schablone eingeflochten. Losgelöstes wird zu einem verbindenden Element. Man könnte auch an eine Rückführung an Ursprüngliches denken. Kettfäden werden in einem Webrahmen in der Vertikalen eingespannt, um dem Schussfaden als Traggerüst zu dienen. Leerstelle und tragendes Gerüst fallen zusammen. Die über die Leerstellen gezogene Ölfarbe ist auf einem anderen Papier, einem, das als Arbeit in den Werkprozess eingegangen ist. Auf der Schablone bleiben an den rahmenden Kanten die Spuren des Materials. Alles in Brunners Schaffen kreist um das Transferieren, das örtliche Verlagerungen und damit verbundene inhaltliche Veränderungen mit sich zieht: zwischen den Tiefenschichten, zwischen Mitte und Rand, zwischen den Elementen einer Serie, zwischen Fläche und Volumenhaltigkeit, Anlage und Störung, zwischen Leere und Licht.

Eine besondere Reise haben recycelte Papiere aus der ehemaligen DDR zurückgelegt. Bereits seit Ende der 70er Jahre des letzten Jahrhunderts liegen diese komprimierten, geschichtsträchtigen, teils mit Kontrollstempeln versehenen Alltagsreste im Atelier.

«Das Papier kam als Verpackungsmaterial in die Schweiz und in meine Hände, es hat Bücher eingepackt. Ich denke, das Papier will zu den Büchern zurückgehen, es träumt davon, selbst ein Buch zu werden», sagt Brunner. Das Papier wandelte sich zu atmosphärisch dichten Büchern, in denen eigene Fotos als Inkjet Prints Eingang gefunden haben und auch bereits vorhandene eigene Zeichnungen eingenäht sind. Eine Geschichte wie ein Märchen – der gelebte Kreislauf als Werk.

Sabine Arlitt

*Alle Zitate stammen aus Gesprächen der Autorin mit der Künstlerin.

Gegen den Strom: Ich recycle im Grunde Recyclingpapier

Die Zürcher Künstlerin Marlyse Brunner bewegt sich seit Jahrzehnten linientreu gegen den Strom. Mit nichts als schwarzer Farbe und einer Vielfalt an Papieren reflektiert sie das Dasein. „Ohne Linien kann man keine Buchstaben schreiben“, sagt Marlyse Brunner, „ohne Linien gäbe es nichts zu lesen“. In ihrem bildnerischen Schaffen tauchen zwar nur vereinzelt Buchstaben auf, doch lädt die visuelle Poesie der Arbeiten mit ihren unterschiedlichen Intensitäten zur Lektüre ein. Die malerischen Zeichnungen kreisen mit ihren mal stark verdichteten, mal höchst reduzierten linearen Zügen wesentlich um Unsagbares und bringen latente Bilder hervor, Anklänge möglicher Inhalte.

Vor kurzem ist Marlyse Brunner 73 Jahre alt geworden. Eben ist sie aus New York zurückgekehrt. Drei Jahre zuvor hatte sie Buenos Aires besucht und war durch Japan gereist. Während eines Atelieraufenthalts in Genua hatte sie von den über 180 Treppenstufen des Palazzo Piazza Sauli 7 Graphitabriebe angefertigt, Spuren, die voller Geschichte und Geschichten sind.

Wo immer sie ist, möchte sie tiefer in die Strukturen kultureller Landschaften eintauchen. Während eines Atelieraufenthalts in Kairo war es für sie selbstverständlich, mindestens so viel Arabisch zu lernen, dass sie sich im Alltag ausdrücken könnte.

Mitte der 70er und Anfang der 80er Jahre war ihr zweimal ein Atelieraufenthalt in Paris zugesprochen worden. In Paris hatte sie mit Papieren aus Japan gearbeitet, vor allem mit Reispapier, in aktuellen Arbeiten ist es häufig Waxed Masa, ein Wachspapier, das sie in New York fand.

Als Sammlerin auf Reisen

Wenn es mir langweilig wird, gehe ich auf Reisen“, sagt Brunner. In den Städten der Welt sind für sie die Museumsbesuche ebenso wichtig wie das Stöbern in Läden für Künstler-, Büro- oder auch Haushaltsbedarf. Sie sammelt die unterschiedlichsten Papiere, Zeichenstifte, auch Bänder. Aus Japan hat sie einige Kalligraphie-Pinsel mitgebracht. Wenn sie Tusche auf die leeren Papiere fliessen lässt und diese die Flüssigkeit absorbieren, werden sie gleichsam zu Gefässen.

Die Zeichnungen sind befreit von begrifflichen Inhalten. Sie lassen Texturen, Strukturen und Materialqualitäten zutage treten. „Zwischungen“ heisst eine ältere Zeichnungsserie, spielerisch zusammengesetzt aus „zwischen“ und „Zeichnung“. Das Geschehen ereignet sich zwischen Untergrund und Übermalung. Im Dazwischen gestaltet sich die Zeichnung als Einheit einer Begegnung.

Linien in stetig sich wandelnden Facetten durchziehen ihr Schaffen und wirken dabei wie ein Echo der Lebenserkundungen, die Marlyse Brunner antreiben. Arbeitsspuren gehören dabei ganz selbstverständlich zum Werk. Die gezeichneten Bilder schreiben Geschichten, die universell und tagebuchartig zugleich sind. Linienballungen und Linienüberlagerungen werden zu Feldern, die im Dunkeln durchsichtig und in der Transparenz undurchsichtig erscheinen.

Farbe empfindet Marlyse Brunner als etwas Künstliches. „Ich gehe gleichsam mit einem Farbfilter durch die Welt“, sagt sie, „ich sehe alles ein bisschen in Schwarz und Weiss“. Der schwarzen Farbe ist sie von Beginn an treu geblieben, auch ihrem Respekt gegenüber Materialien und ihrer Faszination für deren Eigenheiten. „Ich kann kein Papier wegwerfen, selbst kleine Schnipsel und schmale Streifen bewahre ich auf.“ Die Abfallpauschale für ihr Atelier müsse sie trotzdem bezahlen, meint sie leicht schmunzelnd.

Marlyse Brunner stellt sich von Zeit zu Zeit der Herausforderung des Aufräumens. „Räumung“ heisst für sie neuen Raum schaffen. So kam es im Jahr 2005 zur Arbeit „Kunstmasse: Modell einer Retrospektive“. Sie hatte einzelne Zeichnungen ausgeschieden, diese mit einer einheitlichen quadratischen Grundfläche zusammengefaltet und schliesslich zum Block gestapelt. Die Metamorphose einer Bildlandschaft wird an dessen Aussenkanten ablesbar.

Recycling als Haltung

Daneben gibt es Phasen, die mit einer Reaktivierung verglichen werden können, wenn beispielsweise gelagertes Arbeitsmaterial nach vielen Jahren hervorgeholt wird. So geschehen vor fünf Jahren, als Brunner in ihrem Archiv auf alte Papiere aus der ehemaligen DDR stiess. „Ich recycle im Grunde Recyclingpapier“, sagt sie.

Wenn sie in New York ist, wo sie während vieler Jahre jeweils für mehrere Monate gelebt hat, steht ein Besuch des New Fashion Institute of Technology (FIT) auf ihrem festen Programm. Eine Ausstellung, die den Umgang mit Stoff in der Mode kritisch hinterfragte, hat ihr Interesse für das Thema Recycling zusätzlich gestärkt.

Die DDR-Papiere hatte sie Ende der 70er Jahre auf dem Trottoir vor einem Haus an der Zweierstrasse entdeckt. Dort war der Literaturvertrieb der PdA, der Partei der Arbeit, untergebracht. Sie lud kurzerhand auf ihr Velo, was für die Abfuhr bereitgestellt war, und transportierte das Altpapier in ihr Atelier. „Der ganze angesammelte Dreck der Ex-DDR steckt in diesen recycelten Papieren, die als Verpackungsmaterial dienten“, erklärt sie.

Die Buchsendungen kamen aus der Deutschen Bücherei Leipzig und gelangten über einen volkseigenen Aussenhandelsbetrieb nach Zürich. Da die billigen Papiere sehr dünn sind, wurden jeweils fünf Blätter übereinandergelegt, um die zum Versand bestimmten Bücher einzupacken. Das oberste Blatt wurde mit der Adresse des Empfängers und Absenders versehen und hat so manchen Kontrollstempel aufgenommen.

Für einige grossformatige Zeichnungen hat Brunner jeweils mehrere dieser stets 80 x 110 cm messenden Blätter zusammengeklebt. Dann beginnt sie eine Geschichte wie ein Märchen zu erzählen: „Das Papier kam als Verpackungsmaterial in die Schweiz und in meine Hände, es hat Bücher eingepackt und zusammengepackt. Ich denke, das Papier will zu den Büchern zurückgehen, es träumt davon, selbst ein Buch zu werden.“

In einer Ausstellung der schönsten Schweizer Bücher im Helmhaus Zürich trifft Brunner eine alte Bekannte, die erzählt, dass sie gerade einen Buchbinderkurs mache. Ein Link, eine Anmeldung. Marlyse Brunner lernt das Handwerk in Intensivkursen von Grund auf. Die Papiere aus der einstigen DDR wandeln sich zu atmosphärisch dichten Büchern, in die auch bereits vorhandene eigene Zeichnungen eingenäht sind.

www.marlysebrunner.ch

Verfasserin: Sabine Arlitt, ch-intercultur, Aargauer Tagblatt, 19.7.2019

Marlyse Brunner, Works on Paper
Vera Engelhorn Gallery, 591 Broadway, New York City
3. Februar bis 24. März 1990

Ausstellungskatalog
56 Seiten, 25x20cm
Mit einem Text von Marie-Louise Lienhard

Marlyse Brunner ist seit Jahren damit beschäftigt, das absolut schwarze Bild zu finden. Dass sie es noch nicht gefunden hat, ist auch ein Beweis ihrer Ernsthaftigkeit. Dass dies kein sophistischer Spruch ist, soll im folgenden erhärtet werden.

Marlyse Brunner arbeitet mit Schwarz. Sie zeichnet mit Stiften aus solider Olfarbe schwarze Striche, Linien, Felder. Sie unterteilt die Bildfläche in Zonen von verschiedenen Qualitäten von Schwarz, verschiedenen Arten von Nichtschwarz. Sie unterteilt ihre Bilder in Bereiche, die ganz schwarz sind und in solche, die es noch nicht  sind. Die schwarzen Bereiche sind unterschiedlich in Farbauftrag und Struktur. Sie unterscheiden sich durch die Dicke der Farbschichten, die Richtung des Farbauftrags. Die Farbflächenhaut bedeckt ganz unterschiedliche Farbkörper, sehnige, glatte, bucklige, schrumpflige. Zwischen den schwarzen  Bereichen tun sich andere auf, graue, mehr oder weniger graue, mehr oder weniger helle, gestrichene, lavierte; es gibt auch weisse.

Im Grund gibt es nichts einfacheres als das absolut schwarze Bild. Verschiedene grosse Maler haben im laufe der Kunstgeschichte bewiesen, dass, zum Beispiel, das schwarze Quadrat malbar ist. Das absolut schwarze Quadrat kann sich einstellen und musste sich bei Malevitsch einstellen als folgerichtiges Ergebnis einer Gedankenfolge.

Ad Reinharts schwarze Tafeln sind ebenso Ausdruck einer weltanschaulichen Gestimmtheit wie eines kühlen artistischen Kalküls.

Marlyse Brunner nimmt den Weg sehr wichtig. So kommt es, dass die Erschaffung des Bildes oft schon beginnt bei der Herstellung des Bildträgers: Einfaches, mehrschichtig zusammengeleimtes Verpackungspapier, technische Papiere oder Zeichenpapier werden mit unsentimentaler Ernsthaftigkeit zur Erstellung der Bilder benutzt. Wie die weissen Blätter werden auch die grauen bearbeitet, werden sie von der schwarzen Farbe in solider und auch ein wenig besessener Manier erobert.

Philosophie sei, so hat Nietzsche gesagt, «das Selbstbekenntnis ihres Urhebers und  eine Art ungewollter und unvermerkter ‚memoires‘… ». Das gleiche darf von Malerei gesagt werden, wenn sie ernst gemeint ist und ernst genommen werden will.

Marlyse Brunner lässt sich Zeit. Seit sie, als ganz junge Frau, begonnen hat zu malen, die Gleichgültigkeit der Umgebung nicht achtend, das fehlende Zutrauen ignorierend, einen arbeitsreichen und intensiven Weg zurückgelegt. Von den ersten Arbeiten, die sich in einer etwas unverbindlichen formalen Abstraktion üben, bis zu der unausweichlichen und zwingenden Suche nach der dem Lebenszusammenhang standhaltenden und verbindlichen Formulierung in den  jüngeren Bildern, hat sich viel Leben abgespielt und ist viel Arbeit investiert worden.

Marlyse Brunners Recherche hat etwas Selbstverständliches. Es geht ihr die hochtrabende Feierlichkeit  der philosophischen Attitüde völlig ab. Aber sie hat die Würde eines lebenslang ausgeführten Exerzitiums. Eine Eigenheit übrigens, die Eleanor Munro schon vor Jahren als klassisches Merkmal der weiblichen Kunstausübung diagnostiziert hat.

Marlyse Brunner, Manipulations: Light and Shadow
Swiss Institute, New York
1. November bis 1. Dezember 1990

Ausstellungskatalog
20 Seiten, 21 x 15.5 cm
mit einem Text von Ariane Braillard

Marlyse Brunner malt mit großer Sparsamkeit und arbeitet ausschließlich mit schwarzen Ölstiften, Kohle oder Bleistift auf weißem Grund, um eine Welt reicher Emotionen auszudrücken.

Abstrakte und oft horizontale Bänder spritzen mit gebrochener, ruckartiger Energie über Brunners Leinwände. Sie suggerieren eine Art spontane Explosion, eine gestische Qualität, die die Beteiligung ihres gesamten Körpers am Schöpfungsprozess kommuniziert. Brunners Arbeitsweise ist intensiv physikalisch: Manchmal legt sie ihre großen horizontalen Leinwände auf den Boden oder auf einen Tisch, um sie zu umrunden und aus allen Blickwinkeln zu arbeiten. Daher die Lebenskraft, die ihre Stücke ausstrahlen.

Marlyse Brunners Energie ist weit mehr als der Ausdruck einer unpersönlichen Dynamik, sie vermittelt auch die intensiven, gewalttätigen Emotionen des Künstlers. Die großen schwarzen Striche vermitteln einen unformulierten Drang, einen Druck, der gelöst werden muss, um die Spannungen in der Psyche des Künstlers auszutreiben.

Angeregt werden diese Werke durch einen Konflikt zwischen Extrovertiertheit und Introvertiertheit, den Marlyse Brunner mit großer Gelassenheit ausbalanciert. Als Extrovertierte zeichnet sie breite, schwungvolle Bänder, die über den Rahmen ihrer Werke hinausreichen und ihren Raum erweitern; als Introvertierte stellt sie viele strenge Bedingungen an ihre Arbeit. Eine Einheit von Farbe und Form, und eine Einheit von Stimmung und Format, vermitteln eine radikale Strenge.

Brunners emotionale Intensität wird bewusst in gewagte, sichere Kompositionen gelenkt. Und tatsächlich entdeckt der Betrachter nach einem ersten Eindruck von purer Spontaneität in ihrem Werk eine Aufmerksamkeit für jene „krampfhafte Schönheit“, die Baudelaire als Ideal der modernen Ästhetik feierte. Eine anfängliche Gewalttat weicht einem Gefühl von Zartheit und Raffinesse, das von den Flecken und Spritzern, die um die Bänder herum zu schimmern scheinen und deren Wirkung zu zerstreuen scheinen, überlagert wird. Und das Format ihrer kleinen, auf Mylarpapier komponierten Arbeiten inspiriert Brunner zu einer traumhaften Qualität, einer verschwommenen Weichheit, die durch die Transluzenz des Mediums verstärkt wird. Diesen Effekt erzielt die Künstlerin, indem sie ihre gemalten Oberflächen mit ihren Fingerspitzen, Radiergummis und Chiffonstoffen verwischt.

Die kombinierte Spontaneität und Beherrschung dieser Werke, gepaart mit ihrer schlichten Eleganz, erinnert an die orientalische Kalligraphie. Wie in der Zen-Tradition verzichtet der Künstler auf alle überflüssigen Ornamente und konzentriert sich auf das Wesentliche.

Indem Brunners Werk die Grenzen des Bilderrahmens ignoriert, überwindet es das traditionelle Problem, die Oberfläche der Gemälde zu füllen. In Brunners vielen aufeinander folgenden Stücken dehnen sich Striche und Bänder ruckartig von einer Leinwand zur nächsten, um den Raum in eine breitere psychologische Dimension zu erweitern. Wie ein Geograph auf einer windgepeitschten Ebene beansprucht Brunner grenzenlose Territorien und investiert sie allmählich in ihre Emotionen. Marlyse Brunners Beziehung zum Raum, sowohl im Inneren als auch im Äußeren, steht im Mittelpunkt ihrer Arbeit.

(Aus dem Englischen übersetzt)

Galerie Ursula Siegenthaler
Text: Fritz Billeter
Tages-Anzeiger Züritipp, 3.7.1987

Die 41-jährige Marlyse Brunner stellt ihre neusten Werke in der Galerie Ursula Siegenthaler aus. Seit 1972 arbeitet sie als freie Künstlerin in Zürich.

Sie sitzt in ihrem Atelier an der Rousseaustrasse mir gegenüber, schwarz gekleidet, die Augen mit dünnem, schwarzem Schminkstrich umrandet, im krausen Schwarzhaar ein paar «punk» blaue Stellen. Und ausnahmslos schwarz gemalt sind alle ihre Bilder, seit 1972.

Warum so schwarz?

Zuerst hat Marlyse Brunner ihre Bilder in Tusche ausgeführt, dann in Öl, selten in Kohle, manchmal auf getöntem Umweltpapier oder auf aquarellierten Gründen, von 1986 an auf weissem Papier. Ich frage die Künstlerin natürlich nach dieser auffälligen Vorliebe für Schwarz, und die Frage erstaunt sie zuerst ein wenig, die ausschliessliche Verwendung dieser einen Farbe ist ihr fast selbstverständlich geworden. «Ich nehme Schwarz, und dann schiesse ich los.» Aber dann fährt sie mit einer sehr ausführlichen und eigenständigen Erklärung fort. Sie hält nicht jenes Klischee bereit, das mir schon etwa mal Künstler mit einem ähnlichen Hang zur schwarzen Farbe serviert haben – Schwarz könne auch farbig sein, in seinen differenzierten Abstufungen sogar richtig bunt. Marlyse Brunner antwortet, für sie sei es die Farbe der äussersten Eindeutigkeit, direkter als alle andern. «Es gumpet de Lüüt an Grind. Stell dir vor, ich würde meine Schraffen und Wirbel etwa in Rot ausführen. Das würde sofort etwas Dekoratives hineinbringen, so etwas wie falsche Gefühle wecken, ja verführen. Ich will aber niemanden verführen. Ich drücke mich aus, zeichne, zeichne in dem Sinn, dass ich Zeichen setze, und etwas anderes will ich nicht.»

Zeichen, die «alles» umfassen

Der Begriff Zeichen will mir hier nicht ganz passen. Ich erinnere daran, dass in spätrömischer Zeit jemand einen Fisch in den Sand zeichnete, so dass der andere merken konnte, sein Gesprächspartner war  ein Anhänger des neuen verfolgten Glaubens, ein Anhänger von Christus. Das heisst: ein Zeichen bedeutet etwas Bestimmtes, transportiert einen genauen Inhalt. Wie aber sollten die offenen Kompositionen von Marlyse Brunner, diese Ballungen, Überlagerungen, Verflechtungen, Verbarrikadierungen, wie sollten diese Flächen, denen man bei aller Dichte anmerkt, dass sie sich aus einzelnen Strichen zusammensetzen, etwas ganz Bestimmtes bedeuten?

«Schon wahr, nichts genau Definierbares», findet auch die Künstlerin, «eher etwas Umfassendes, einfach das Leben oder vielleicht meinen Charakter.»

«Einfach loslassen, und was dann herauskommt, überrascht mich manchmal selbst.» Auch da melde ich gewisse Zweifel an. Nach siebzehnjährigem spontanem Sichausdrücken, Sichergiessen in ganz elementaren Formen, in blossen Strichmarken und Schraffierungen, meine ich, sind Wiederholungen unvermeidbar. Auch ein Künstler trägt keinen unerschöpflichen Vorrat solcher Formen in sich.

«Leider, leider», bestätigt nun auch Marlyse Brunner, «kommt mit der Zeit immer ein bisschen dasselbe heraus. Daher spüre sie gerade jetzt eine Änderung, den Beginn einer eigentlichen, erneuten Evolution. Aber sie weiss noch nicht, wohin das führen wird, und daher will sie darüber lieber noch nicht reden.